2011 Probenbild

Mittsommerweihnacht

Eine Komödie in zwei Bildern und einem Epilog nach dem Stück „Réveillon d’eté“ von Isabelle de Toledo

Ein sommerlich-warmer Junitag auf dem Lande nahe Paris. Die Geschwister Martine, Francoise und Lucie sind auf dem Weg zu Sophie, der jüngsten Schwester. Mit im Gepäck: ein künstlicher Weihnachtsbaum, Duftspray Marke „Kiefernwald im Winter“ und jede Menge Geschenke. Ein Weihnachtsbaum, Geschenke? Und das mitten im Juni? Was sich bizarr anhört, ist für die Schwestern völlig normal, ja unabdingbar. Nach dem plötzlichen Tod des Vaters an Heiligabend versetzte die trauernde Mutter kurzerhand das Fest der Liebe in den Sommer, auf den Johannistag. Zu schmerzhaft der Gedanke, Feierlichkeiten und Geschenke mit dem Todestag des Vaters vereinen zu müssen.


Nun ist auch die Mutter tot und die Schwestern Lecharme treffen sich das erste Mal allein, ohne die sicheren Strukturen, die vermeintlich nur eine Mutter zu geben vermag. Jede für sich ist nervös. Da ist Gymnasiallehrerin Martine, die eher auf Beschwichtigung denn Konfrontation aus ist, ihre Schwester Francoise, eine Sprechstundenhilfe, die der Tod ihrer großen Liebe zur vertrockneten Jungfer werden ließ, die flatterhafte, aber dennoch willensstarke Lucie, deren größte Rolle darin besteht, ihre stagnierende Schauspielkarriere zu überdecken sowie Assistenzärztin Sophie, die jüngste und labilste Schwester, deren gescheiterte Ehe sie zur harmoniesüchtigen Ersatzmutter für die Geschwister werden ließ. Sie treffen aufeinander, reiben, lieben, necken sich – in einer Art und Weise, wie es nur Menschen, die sich innig kennen, vermögen. Ihnen allen gemein ist die Sehnsucht nach Liebe, die Last unerfüllter Träume und die Suche nach der „Portion schönem Mann“.

Sophie, als einzige der Schwestern mit Mutterglück gesegnet, lebt mit ihrer Tochter Julie im Haus der verstorbenen Eltern. Ihr fester Wille, der Tochter die Liebe des abwesenden Vaters zu vermitteln, scheitert an dessen Unfähigkeit. Statt wie versprochen, mit Julie in den Urlaub zu fahren, nimmt Professor Morant lieber seine derzeitige Geliebte, eine 23-jährige Praktikantin seines Krankenhauses, mit in den Süden. Die Schwestern sind empört, die Tochter verzweifelt.

In das Geschehen platzt unglücklicherweise auch noch die waidwunde Arbeitskollegin von Sophie, Solange Pinson. Sophie hat Mitleid mit der verhärmten Frau, die aufgrund ihrer Angewohnheit, immer alles zweimal sagen zu müssen, im Krankenhaus nur die „kratzende Schallplatte“ genannt wird. Zu allem Unglück ist Solange auch noch in Sophies Exmann verliebt, was diese aufgrund des fehlenden Charmes Solanges großmütig übersieht. Allein die Schwestern nutzen dieses Wissen und machen sich mit höchstem Vergnügen über die Dame her. Doch die heitere Stimmung trügt. 

Ein vereitelter Selbstmordversuch Julies am Morgen der „Mittsommerweihnacht“ zwingt nicht nur die Schwestern zur Zäsur mit dem eigenen Leben, sondern bringt auch Solange in Konfrontation mit ihren verdrängten Wunden. Völlig gefangen von der Atmosphäre inmitten der Familie, spricht auch sie endlich von der Trauer, den Sohn ans ferne Australien verloren zu haben. Nur durch Ermutigung der Schwestern und Julies, die in der Versöhnung Solanges mit ihrem Sohn die eigene Heilung ihres Vater-Tochter-Verhältnisses erahnt, kann Solange den Hörer in die Hand nehmen und den Sohn anrufen. Das bringt auch bei den Schwestern einen Prozess ins Rollen und vermeintlich Unerreichbares wird schließlich möglich.

Zur Regie:

Sechs Schauspielerinnen in charakterstarken, facettenreichen Rollen: Ist Isabelle de Toledos Stück eigentlich als Komödie konzipiert, überrascht Regisseurin Monika C. Müller das Publikum mit einer realistischen und en detail ausgearbeiteten Charakterstudie, die zwischendurch durchaus Töne eines Dramas trifft. Statt es den Protagonistinnen leicht zu machen – „Mittsommerweihnacht“ könnte auch als oberflächlich dahin gespielte Sommerkomödie im Sinne eines Boulevardstückes angelegt werden – holt Monika C. Müller aus den grundverschiedenen Frauencharakteren genau das zutage, was berührt, zum Nachdenken anregt oder in jedem von den Zuschauern selbst verborgen ist. Ihr ist es gelungen, scheinbar Unvereinbares zusammenzubringen: Leichtigkeit und Tiefgang. Ein minimalistisch modernes Stück mit dem Fokus einzig und allein auf die ständig wechselnden Beziehungen. 

(Text: Regine Pätz)

Mehr Informationen zu Regisseurin Monika C. Müller im Internet unter www.kunst-werk.net